Leseprobe aus dem Politthriller-Roman "Der Polarfuchs"
Klappentext:
Eine Insel. Eine Lüge. Eine Wahrheit, die die Welt ins Wanken bringt. Grönland wird abgeriegelt. Offiziell zum Schutz. Inoffiziell verschwindet eine ganze Gesellschaft aus der Welt. Als der grönländische Polizist Aputi Møller beginnt, über geheime Kanäle mit der Außenwelt zu sprechen, wird er zum Staatsfeind. Zur gleichen Zeit gerät Maya Torres, eine amerikanische Geheimdienstanalystin, ins Visier der Mächtigen, weil sie weiß, wie die Abschottung wirklich funktioniert. Und während Kriegsschiffe aufeinandertreffen und Bündnisse zu zerreißen drohen, versucht ein kleines Team internationaler Journalisten, die Wahrheit dorthin zu bringen, wo sie am gefährlichsten ist: ins Licht der Öffentlichkeit. Zwischen militärischer Eskalation, politischer Erpressung und globaler Desinformation entscheidet sich, was stärker ist – Macht oder Glaubwürdigkeit. Ein hochaktueller Polit-Thriller über Informationskriege, zerbrechende Allianzen und den Moment, in dem eine einzige Aussage genügt, um eine Weltordnung zu kippen.
Leseprobe: Der Polarfuchs - Kapitel 3 "Die Nacht"
Nuuk — Flughafen 02:37 Uhr Ortszeit
Der erste Hinweis war kein Schuss. Es war das Licht.
Aputi Møller stand in der Dunkelheit am Rand einer Straße, die zum Flughafen führte. Er war nicht nach Hause gegangen. Er hatte es nicht gekonnt. Sein Körper war in Alarmbereitschaft, sein Kopf ein Kreisverkehr aus Fragen. Und sein Gefühl sagte ihm: Wenn du wegschaut, wirst du es bereuen.
Aus der Ferne kam ein Brummen, tief und gleichmäßig. Flugzeugtriebwerke. Aber nicht in der normalen Kadenz eines Linienflugs. Eher in der ruhigen, schweren Art von Maschinen, die nicht für Passagiere gebaut waren.
Dann flackerte die Stromversorgung am Flughafen. Die Lichter wurden kurz schwächer, als würde jemand einen Dimmer drehen, und dann… wieder stabil. Nur anders. Kälter.
Aputi sah, wie Fahrzeuge sich am Rand der Landebahn bewegten. Nicht die üblichen gelben Servicewagen. Dunkle Fahrzeuge. Ohne Markierungen. Sie fuhren mit der Selbstverständlichkeit von Leuten, die schon oft auf fremdem Boden standen.
Ein Schatten löste sich aus dem Dunkel neben ihm. Kaja. Sie trug eine Mütze tief ins Gesicht gezogen.
„Du bist verrückt“, flüsterte sie.
„Du auch“, flüsterte Aputi zurück.
Kaja sah zum Flughafen. „Die Station hat einen neuen ‚Dienstplan‘ bekommen. Niemand soll raus. Niemand soll rein. Und jetzt das.“
Aputi nickte. „Ich habe Männer am Hafen gesehen. Nicht zivil.“
Kaja zog Luft ein. „Wer?“
Aputi sagte es nicht. Er wollte es nicht sagen, weil das Wort die Welt verändern würde. Aber Kaja verstand ohne Wort. Ihre Augen verengten sich.
In diesem Moment landete das Flugzeug. Kein lautes Kreischen. Eine kontrollierte Landung. Das Licht am Rumpf war gedämpft. Der Flieger rollte nicht zum Terminal, sondern zu einem abseitigen Bereich, den man normalerweise nur für Fracht benutzte.
Die Heckrampe öffnete sich.
Aputi sah erst nur Dunkelheit. Dann Bewegungen. Menschen in dunkler Ausrüstung, mit Helmen, mit Waffen. Nicht wild, nicht hektisch. Wie ein Uhrwerk.
„Scheiße“, flüsterte Kaja.
Aputi zog sein Handy hervor. Er wusste, dass sie ihn am Ha-fen gesehen hatten. Dass sie vielleicht wussten, dass er hier war. Aber wenn er jetzt nichts festhielt, würde morgen jeder sagen, es sei nie passiert.
Er nahm drei Sekunden Video auf. Dann vibrierte das Telefon.
Eine Nachricht. Keine Nummer, nur „Unknown“.
„Lass es. Letzte Warnung.“
Aputi spürte, wie ihm kalt wurde, nicht vom Wetter.
Kaja sah auf sein Display. „Sie sind in deinem Telefon.“
Aputi steckte es weg. „Ja.“
Ein weiteres Fahrzeug fuhr heran. Es hielt an der Zufahrt. Männer sprangen heraus und stellten sich so, dass sie die Straße blockierten. Einer trug etwas, das wie ein tragbares Funkgerät aussah, aber mit Antennen, die nicht zivil waren.
Dann hörten sie eine Stimme über einen Lautsprecher. Englisch, verstärkt, sachlich:
„This is a temporary security operation. Remain in your homes. Do not approach the airport.“
Kaja lachte trocken. „Temporär. Klar.“
Aputi sah, wie ein zweites Flugzeug im Anflug war. Und ein drittes.
Er merkte plötzlich, wie klein Nuuk war. Wie leicht man eine Stadt „sichern“ konnte, wenn man mit dem richtigen Werkzeug kam.
„Was machen wir?“ flüsterte Kaja.
Aputi dachte an Ane, an die Kinder. Er dachte daran, dass er sie weggeschickt hatte. Gut. Aber er dachte auch daran, dass eine Besetzung nicht nur Waffen war. Sie war Kontrolle: Information, Bewegung, Angst.
„Wir leben“, sagte Aputi. „Und wir sammeln Beweise, ohne zu sterben.“
Kaja sah ihn an. „Wie denn?“
Aputi blickte auf den Flughafen, auf die Männer, die sich wie Schatten bewegten.
„Analog“, sagte er. „Wie früher. Papier. Augen. Zeugen.“
Ein Schuss fiel.
Nicht in ihrer Richtung. Nicht als Angriff. Sondern als Signal — ein einzelner Knall in der Nacht, der sagte: Wir sind jetzt die, die entscheiden, was laut ist.
Kaja zuckte zusammen. Aputi nicht. Er erstarrte innerlich, aber sein Körper blieb ruhig.
„Das ist die Nacht“, sagte Aputi leise, „von der sie geschrieben haben.“
Leseprobe: Der Polarfuchs - Kapitel 10 "DIE WELT HÄLT DEN ATEM AN"
Moskau — Kreml, Spiegelsaal
Der Spiegelsaal war bewusst überdimensioniert.
Er war nicht für Gespräche gebaut, sondern für Wirkung. Die vergoldeten Säulen, die endlosen Spiegel, die hohen Fenster — alles hier war darauf ausgelegt, Macht größer erscheinen zu lassen, als sie war. Wer hier sprach, sprach automatisch mit dem Gewicht der Geschichte. Wer hier schwieg, schwieg mit derselben Schwere.
Sergej Wolodin, Außenminister der Russischen Föderation, stand allein vor der Wand aus Bildschirmen.
Zwanzig internationale Nachrichtensender. Alle zeigten dasselbe:
Nuuk bei Nacht. Flackernde Blaulichter. Eine Menschenmenge, die zurückweicht wie Wasser vor einer Wand. Ein Junge am Boden. Ein amerikanischer Soldat, der unsicher wirkt — und genau diese Unsicherheit machte es schlimmer als jede Härte.
Wolodin sah nicht empört aus.
Er sah fasziniert aus.
Wie ein Schachspieler, der erkennt, dass der Gegner gerade eine Regel gebrochen hat, die das ganze Spiel veränderte. Nicht ein Zug. Eine Regel.
Er tippte mit dem Finger gegen einen Bildschirm, auf dem ein amerikanischer Kommentator gerade das Wort „tragischer Zwischenfall“ benutzte.
„Tragisch“, murmelte Wolodin. „Immer tragisch, wenn es im Licht passiert.“
Hinter ihm knarrte leise eine Tür. Der Spiegelsaal war so still, dass sogar ein Türgriff wie ein Ereignis klang.
Der Präsident trat ein. Kein Gefolge. Nur ein Adjutant in respektvollem Abstand, genau weit genug, um alles zu hören und nichts zu stören.
Der Präsident blieb stehen, betrachtete die Bildschirme. „Sie beobachten das schon länger“, sagte er, als wäre es keine Frage, sondern eine Feststellung.
Wolodin drehte sich langsam um. „Seit der ersten Nacht“, antwortete er. „Aber heute ist der Wendepunkt.“
Der Präsident setzte sich an den langen Tisch, verschränkte die Hände. Seine Miene war ruhig, aber in der Ruhe lag Erwartung. „Erklären Sie.“
Wolodin trat näher an die Bildschirme. Er wechselte einen Sender. Französische Untertitel. Dann deutsche. Dann ein arabischer Nachrichtensender. Dann wieder amerikanisch.
„Sehen Sie“, sagte Wolodin, „das ist nicht Nuuk. Das ist nicht Grönland. Das ist ein Symbol, das gerade geboren wird.“
Der Präsident hob eine Augenbraue. „Ein Symbol?“
„Ja“, sagte Wolodin ruhig. „Amerikanische Macht in zivilen Straßen. Amerikanische Kontrolle über Kommunikation. Und das Wichtigste: amerikanische Verbündete, die nicht mehr s-cher sind, ob sie noch Verbündete sind.“
Der Präsident sah wieder auf die Bilder. „Die Amerikaner werden sagen, es sei eine Sicherheitsmaßnahme.“
Wolodin lächelte dünn. „Jede Großmacht spricht immer von Sicherheit, wenn sie zuschlägt.“
Der Adjutant räusperte sich vorsichtig. „Die USA sprechen von kollektiver Sicherheit.“
Wolodin drehte den Kopf, ohne den Adjutanten direkt anzusehen. „Kollektiv“, wiederholte er und ließ das Wort wie einen schlechten Geschmack im Mund liegen. „Wenn es kollektiv wäre, hätten sie gefragt. Wenn es kollektiv wäre, hätten sie geteilt. Sie haben genommen.“
Der Präsident sagte nichts. Er ließ Wolodin reden. In Moskau ließ man Menschen reden, wenn sie nützlich waren.
Wolodin wechselte auf eine Karte. Baltikum. Rote Markierungen. Pfeile. Nicht dramatisch, nur klare Symbole.
„Die Amerikaner haben nicht einfach eine Insel besetzt“, sagte Wolodin. „Sie haben bewiesen, dass Präventivbesetzung wieder legitim ist — solange man schnell genug ist und die richtige Geschichte erzählt.“
Der Präsident lehnte sich zurück. „Sie glauben, das wird als Präzedenzfall gesehen?“
„Es ist bereits einer“, sagte Wolodin. „Seit 1945 lebt die Welt von einer Fiktion: dass Grenzen sakrosankt sind. Dass Macht sich selbst zügelt. Heute Nacht hat Washington diese Fiktion beschädigt.“
„Beschädigt“, wiederholte der Präsident.
Wolodin nickte. „Noch nicht zerstört. Aber beschädigt reicht. Sie wissen, wie das ist: Wenn ein Damm ein Leck hat, fragt niemand mehr, ob das Wasser ‘moralisch’ ist.“
Der Präsident blieb ruhig. „Und was heißt das für uns?“
Wolodin wählte seine Worte präzise. Er mochte es, wenn Worte wie Werkzeuge klangen.
„Wir handeln nicht aggressiv“, sagte er. „Wir handeln… sym-metrisch.“
Der Präsident hob langsam den Blick. „Bedeutung?“
Wolodin deutete auf die Karte. „Wir verstärken unsere Schutzpräsenz im Baltikum. Manöver. Truppenrotationen. Luftabwehr. Alles defensiv formuliert.“
Der Adjutant wagte einen Einwurf. „Das wird im Westen als Drohung gelesen.“
Wolodin nickte. „Natürlich. Aber welche moralische Autorität bleibt Washington noch, uns zu kritisieren? Sie haben gerade bewiesen, dass man Regeln ‘flexibel’ interpretieren darf, wenn man genug Angst verkauft.“
Der Präsident schwieg einen Moment. Dann sagte er leise: „Grönland wird als Fehler in die Geschichte eingehen.“
Wolodin neigte den Kopf. „Für sie vielleicht.“
„Für uns ist er eine Gelegenheit“, ergänzte der Präsident.
Wolodin lächelte, diesmal minimal ehrlicher. „Fehler anderer sind die Rohstoffe der Geopolitik.“
Der Präsident stand auf, ging langsam zu den Bildschirmen, als wolle er näher an das Symbol heran. Er sah den Jungen am Boden. Er sah den Schlagstock. Er sah das flackernde Blaulicht.
„Was ist Ihr Ziel?“ fragte er.
Wolodin antwortete ohne Zögern: „Nicht Grönland. Nicht heute. Unser Ziel ist das Prinzip: Wenn Amerika sich nicht mehr selbst begrenzt, muss es begrenzt werden.“
Der Präsident sah ihn an. „Durch uns?“
Wolodin zuckte mit den Schultern. „Durch die Realität. Wir sind nur ein Teil davon.“
Er trat näher, senkte die Stimme. „Aber wir sollten nicht der letzte Teil sein, der sich bewegt.“
Der Präsident nickte langsam. „Bereiten Sie die Schritte vor.“
Wolodin antwortete: „Schon geschehen.“
Der Präsident ging zur Tür. Kurz bevor er hinausging, drehte er sich um. „Und Wolodin… keine Fehler.“
Wolodin lächelte dünn. „Fehler machen die anderen.“
Als die Tür sich schloss, stand Wolodin wieder allein vor den Bildschirmen. Er beobachtete Nuuk, als würde er eine neue Weltkarte entstehen sehen.
Und irgendwo in den Spiegeln des Saals spiegelte sich nicht nur er, sondern eine Wahrheit, die niemand mehr ausradieren konnte: Wenn Regeln brechen, bricht auch das Zögern.